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Gegensätze auf der anderen Seite der Grenze

Essay über den Film: «Reise der Hoffnung» von Xavier Koller.

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Die türkische Familie auf der Flucht

1990 feierte er in Locarno Premiere. Im Jahr darauf gewann er als letzter Schweizer Film einen Oscar. Mit dem Drama «Reise der Hoffnung» hat der Regisseur und Drehbuchautor Xavier Koller den Nerv der Zeit getroffen. Diesen trifft er aber auch noch heute, denn die Thematik der Flüchtlingsbewegung ist aktueller denn je. Als 1988 ein türkisches Kind auf der Flucht in die Schweiz am Splügenpass erfror, ging die Geschichte Schweizerinnen und Schweizern unter die Haut, so auch Xavier Koller. Das war der Auslöser für die Produktion des preisgekrönten Films, der dank der Spannung und natürlich dank den Schauspielern überzeugen konnte. Dass die Protagonisten in ihrer jeweiligen Muttersprache die Dialoge führen konnten, gab dem Ganzen einen dokumentarischen Charakter, weit weg von einem gewöhnlichen Spielfilm. Die ersten Szenen handeln in der Türkei, von einer Familie, die in die «paradiesische» Schweiz auswandern möchte. Alles verkauft um die Reise zu finanzieren, gab es kein Zurück mehr und sie begaben sich mit Mehmet Ali, einem ihrer Kinder, auf das Abenteuer. Ausgebeutet von Schleppern fanden sie sich in einer Gruppe anderer Flüchtlingen in Italien wieder. Doch noch lag ein Gebirge, Schnee und schlechtes Wetter zwischen ihnen und dem Land, wo Milch und Honig flossen. Wie in der realen Vorlage verlor Mehmet Ali den Kampf gegen die Natur, nachdem man ihn als Zuschauer dank seiner Lebensfreude schon lange in sein Herz geschlossen hat. Der leblose Körper in den Armen des verzweifelten Vaters war bezüglich der Dramaturgie kaum zu überbieten. Übersäht mit Metaphern, lohnt es sich allemal, diesen Film ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen. In jeder einzelnen Szene findet man bei einer Analyse mehrere Botschaften des Regisseurs. Deshalb wird im nachfolgenden Text folgende Fragestellung untersucht: Wie wurde das Aufeinandertreffen zwischen den hilfesuchenden Flüchtlingen und dem Angestellten des Schweizer Hotels inszenatorisch dargestellt, wieso hatte der Kellner ethische Konflikte und was wollte Xavier Koller mit dieser Szene aufzeigen? Ziel ist es, anhand dieser Untersuchungen Anzeichen zu finden, wie der Regisseur über die Rolle der Schweiz während dieser Flüchtlingsbewegung dachte.

Die Szene

Kurz vor der zu untersuchenden Szene hatte die Flüchtlingsgruppe in einer Hetzjagd mit den Zollbeamten die grüne Landesgrenze bereits illegal überschritten. Von allen anderen getrennt, fanden fünf davon erste Anzeichen der Zivilisation auf Schweizer Boden. Langsam näherten sie sich der Glasfront eines Hauses, durch die eine schwimmende Person zu erkennen war. Durch Hilferufe und klopfen an das Fenster des Schwimmbades machten sie sich bemerkbar, bis der Schwimmer auftauchte, sich am Beckenrand festhielt und verwirrt in ihre Richtung blickte. Er stieg aus dem Wasser, nahm die Schwimmbrille ab und rief mehrmals zurück, dass die Anlage bereits geschlossen sei, worauf die Rufe der flüchtenden Türken immer lauter wurden.

Bildnerisch wirkt die Szene spannend, da die Reflektion der Scheibe gezielt als Stilmittel eingesetzt wurde. So sah man im Bild von innen durch das Fenster nicht nur die Hilfesuchenden, sondern auch das Wasser des Schwimmbeckens. Dies war ausserdem die erste Einstellung, in der man von der Betrachtung her nicht mit den Flüchtlingen mitgereist war, sondern auf die Gegenseite des Schwimmers gestellt wurde, der auch der Kellner dieses Hotels war. Ausserdem gab es noch weitere Antithesen, wie die dreckigen Kleider und Gesichter der Türken, als Kontrast zu einer Person, die sich in blauem, schon fast sterilem, Wasser badete. Der Wohlstand wurde durch den Kontrapunkt des Feinkostgewölbes des Kellners im Vergleich zur Nahrungsknappheit der Reise aufgezeigt. Am Ende der Szene, als der Schwimmer aus dem Wasser stieg, benötigte er einige Zeit um zu realisieren, wer vor der Glasfront hoffnungsvoll in der Kälte stand. Erst als er die Schwimmbrille abgenommen und sein Gesicht gegen die Scheibe gestreckt hatte, gab er seine abweisende Antwort.

Die Menschlichkeit hinter den Zahlen

Die inszenatorisch dargestellten Gegensätze zwischen dem Schweizer und den Flüchtlingen können so interpretiert werden puttygen , dass diese Figuren als Spiegelbilder deren Gesellschaft auftraten und agierten. Die sauberen, wohlhabenden Schweizer mit einer hellen Zukunft auf der einen Seite der Grenze; die dreckigen, armen Flüchtlinge mit einer düsteren Zukunft gegenüber. Trotzdem versichert der Schweizer ihnen mehrmals «Es isch zue», denn an der komfortablen Situation soll sich wohl nichts ändern. Jedoch zeugten seine Körpersprache und seine Stimme nicht von grosser Überzeugung, denn er hatte einen ethischen Konflikt. Mitten in der Nacht durfte der Kellner des Hotels den fünf Personen vielleicht nicht einfach kostenlosen Eintritt gewähren. Doch der Schweizer wusste nicht, wie lange die Menschen schon auf der Flucht waren. Der Kellner wusste grundsätzlich nichts in diesem Moment, weder über diese Menschen, noch was er in dieser Situation tun sollte. Er verstand ja kein Wort, was sie riefen. Vielleicht wären sie einige Minuten später sogar erfroren oder verhungert. Womöglich hätten sie auch noch an einem anderen Ort Unterschlupf gefunden. All diese Dinge und noch viel mehr gingen ihm sicherlich durch den Kopf. Zu der Zeitschrift «Film Comment» äusserte sich Koller in einem Artikel (Beverly Walker, 1991) wie folgt: «Leute kommen in die Schweiz in Massen und niemand weiss, was dagegen zu tun ist. Es wird immer geschrieben, wie viele versuchen ins Land zukommen und wie viele schon dort sind, aber man liest wenig darüber, wer sie sind und wie wir ihnen näherkommen können. Ich sah diesen Film als Gelegenheit dazu.» Der Schweizer Regisseur beschuldigte also gewissermassen die Medien für die Unsicherheit des Schwimmers – wegen mangelnder Informationen und einseitiger Berichterstattung. Vielen Leuten ist dieses Defizit im Alltag wahrscheinlich nicht bewusst, umso wichtiger ist die Rolle der Medien. Dass man keine Flüchtlinge aufnimmt, ist am Stammtisch oder im Stimmlokal einfach gesagt. Haben diese Menschen dann ein Gesicht und stehen plötzlich mehr tot als lebendig vor einem, benötigt es ein Herz aus Stahl, diese abzuweisen. Das findet auch Xavier Koller, der im ihm gewidmeten Porträtfilm «CINEMAsuisse – Xavier Koller» (2012) folgende Aussage über die Nachricht des toten Jungen in den Medien gegenüber dem Regisseur Daniel Leuthold tätigt: «Mich beschäftigte, dass einmal nicht mit Statistiken über Asylanten geredet wurde, sondern über Menschen, die etwas riskieren. Wir reden nur immer über Zahlen, aber da kommen ja Menschen, die sind keine Nummern.»

Die Grenze

Ein anderer Grund könnte die Sicht durch das Fensterglas in die stockfinstere Nacht gewesen sein, denn seine Augen passten sich dem hellen Innenraum an und brauchten einige Sekunden um zu erkennen, wer vor der Glasfront entkräftet auftauchte. Auch daraus folgere ich, dass Xavier Koller aufzeigen wollte, dass man von der Schweiz aus das Übel gar nicht richtig sah und es einem darum auch nicht bewusst wurde, während sich das Bild der paradiesischen Schweiz auf der ganzen Welt verbreitete. Doch von aussen sah man schon aus weiter Distanz in das helle und warme Schwimmbad. Wie auch die Schweizer Postkarte mit den schönen Schweizer Bergen, die im türkischen Dorf zu Beginn des Films die Runde machte; die Schweizer Berge, die dann die Flüchtlinge in die Knie zwang. Diese Scheibe sah ich als Darstellung der echten Grenze. Denn die Landesgrenze hatten sie während der Verfolgungsjagd sicherlich mehrmals überschritten, ohne den genauen Zeitpunkt zu wissen. Die Glasfront war jedoch die eigentliche Abgrenzung zwischen den Asylanten und dem Schweizer, während dieser nicht wusste, ob er sie hineinlassen sollte. Alle Beteiligten waren wortwörtlich an ihren Grenzen. Genau bei dieser Einstellung, sah man von innen die verzweifelten Flüchtlinge am Fenster und gleichzeitig die Spiegelung des Wassers. Es machte den Anschein, als würden sie darin ertrinken und um Hilfe schreien. Meine Interpretation diesbezüglich war, dass er aufzeigen wollte, dass die geschlossenen Grenzen Menschen töteten und man die Flüchtenden hinein in Sicherheit lassen sollte. Im bereits erwähnten Porträtfilm von Daniel Leuthold äusserte sich Koller aber, dass der Film inhaltlich schon sehr politisch aufgefasst werden kann, er jedoch keine Politik betreiben, sondern einen menschlichen Film machen wollte.

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Eine Gruppe der Flüchtlinge finden das Schwimmbad eines Hotels

Aus diesem Statement schloss ich, dass er keine politischen Handlungen, wie die bereits erwähnte Grenzöffnung, vorschlagen wollte, sondern auf das Leid an sich aufmerksam machte. In diesem Falle könnte man die Spiegelung mit der gefährlichen Bootsfahrt gleichsetzen, die die Flüchtlinge unternehmen mussten. Wie auch heutzutage ertranken zu der handelnden Zeit viele Menschen auf offenem Meer. Obwohl unsere begleitete Gruppe im Film «Reise der Hoffnung» den Meeresweg unbeschadet überlebte, stand ihnen in dieser Situation das Wasser bis zum Hals.

Im Film «Reise der Hoffnung» wurden viele spannende Aspekte aufgezeigt und wohl deshalb war er sehr erfolgreich. Das Thema ist auch heutzutage keineswegs vom Tisch. Auf die Frage, wann eine Fortsetzung des Films komme, wird Koller in einem Interview (Gubser von cineman.ch, 2012) konfrontiert und hält fest: «Man müsste jedes Jahr einen Film über dieses Thema drehen. Es wird ja immer schlimmer.»
In diesem Text wollte ich die Frage beantworten, wie das Aufeinandertreffen zwischen den hilfesuchenden Flüchtlingen und dem Angestellten des Schweizer Hotels inszenatorisch dargestellt wurde, wieso der Kellner ethische Konflikte hatte und was Xavier Koller mit dieser Szene aufzeigen wollte. Die Szene wurde von beiden Seiten sehr gegensätzlich gezeigt. Der Film zeigte klar, wie unterschiedlich die Flüchtlinge im Vergleich zu den Schweizern waren. Dies jedoch nicht in menschlicher Hinsicht, sondern weil sie sich in einer ganz anderen Lage befanden. Die ethischen Konflikte des Kellners waren laut Koller auf die falsche Art zu informieren der Schweizer Medien zurückzuführen. Diese hätten, anstatt das Leid und die Menschen dahinter aufzuzeigen, fast ausschliesslich Statistiken und grosse Zahlen veröffentlicht. Er nahm damit die Schweizerinnen und Schweizer in Schutz, die zu dieser Zeit Asylanten wahrscheinlich nicht mit offenen Armen empfingen. So war weder den Flüchtenden noch den Schweizern geholfen, die deswegen überfordert waren, mit den Türken empathisch in Kontakt zu treten. Nach einem Szenenwechsel sieht man dann aber, dass die türkische Gruppe trotzdem für kurze Zeit im Schwimmbad untergebracht wurde, während die Polizei verständigt wurde.

Literaturverzeichnis

Walker, B. (Mai 1991) Film Comment Vol. 27 Iss. 3 , Behind the Mountains, Abgerufen von: https://search-proquest-com.ezproxy.fh-htwchur.ch/fiafindex/docview/210241434/

Blush Films & SRF (Produktion), Leuthold, D. (Regisseur), (2012), CINEMAsuisse – Xavier Koller, Zitat ab 00:12:21 und 00:14:11

Gubser, S. (22. Februar 2012), Xavier Koller: «Mich hat der Schmerz interessiert», Abgerufen von: https://www.cineman.ch/interview/xavier-koller/721/

Bilderquellen

Bild von Mehmet Ali: pardo.ch

Standbilder: aus dem Film «Reise der Hoffnung» von Xavier Koller

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