Schreiben und SprechenTexte

Geschichte: Wer spendet Trost?

In einer angespannten Welt, in der sich jeder von einem ausbrechenden Krieg fürchtete, gab es ein kleines vom Militär regiertes Land Namens Ohara. Wie jedes Reich prahlte es mit seiner Armee und dem scheinbar perfekten Volk. Ausserdem umringten das Land riesige Mauern, um das Territorium gegen Angriffe zu schützen. Eine zusätzliche Steinwand schlängelte sich sogar quer durch ganz Ohara und teilte dieses in zwei Bezirke. Der Oberbefehlshaber der beiden Landesteile beteuerte stets, dies sei zur eigenen Sicherheit, so könne niemand sein ganzes Territorium auf einmal erobern.

Im Bezirk Trost lebte eine attraktive Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren und einem strengen Blick. Sie war eine Einzelgängerin, durfte aber wegen ihrer athletischen Figur als Gesprächsthema an keinem Stammtisch fehlen. Wie auch ihre braune Lederjacke und der rote Schal, wenn sie jeweils ihren abendlichen Spaziergang absolvierte. Wie alle Bewohner in Trost war Raya kleinwüchsig. Sie wusste nichts von ihren Landsleuten auf der anderen Seite der Mauer, ebenso nichts wie über die Bevölkerung der anderen Länder. Aber man munkelte in Trost, dass im anderen Bezirk riesige und kräftige Menschen wohnen würden. Obwohl Raya im Militär arbeitete, bekam sie auch nur Gerüchte über die andere Landesseite mit. Deshalb hatten diese Mauern für sie beinahe etwas Mysteriöses und Anziehendes.

Bei ihrer Arbeit hatte sie nichts anderes zu tun, als bürgerlich gekleidet durch die Strassen zu marschieren und niemanden ahnen zu lassen, dass sie für das Militär arbeitete. In einer anderen Position hätte sie vielleicht einen Blick hinter die riesigen Steinwände werfen können, aber so schritt sie bei ihrer nächsten Arbeitsschicht wieder der Mauer entlang ausserhalb des Zentrums von Trost. Es war Nacht und die meisten waren schon in ihren Häusern. Eigentlich nur eine Routinekontrolle für Raya, doch plötzlich entdeckte sie ein schimmerndes Licht aus der gigantischen Mauer durchdringen. Ohne zu zögern, blickte sie mit ihrem rechten Auge durch den Zwischenraum, während das andere fest zugekniffen war. Nach einem Moment hatte sich ihr Auge an die Helligkeit gewöhnt und sie konnte nicht glauben, was sie sah: die Fahrräder auf der anderen Seite fuhren ohne zu treten, die Kleider der Leute hatten keine Löcher, sie konnten ihre flachen Schreibmaschinen einfach unter dem Arm mittragen und es sahen alle kräftig wie auch gut genährt aus. Aber eines fiel ihr vor allem auf: die Leute waren von Herzen glücklich. Sie redeten miteinander, machten Witze und hatten Spass. Es war ein Spektakel, das sie zu Gesicht bekam und deshalb schaute sie dem Geschehen noch ein Weilchen zu. Raya drehte sich wieder Trost zu und erblickte eine düstere kalte Gegend, in der zu dieser Tageszeit alle schon in ihren Häusern waren, um am nächsten Morgen erneut den ganzen Tag zu rackern. Von nun an sehnte sie sich auch nach so einem Leben wie im anderen Bezirk.

Am nächsten Morgen, während Trost langsam erwachte, suchte sie wieder das Leck in der Mauer auf. Auf der anderen Seite spielten erwachsene Leute Fussball mit einem runden Ball, andere brieten Fleisch über einem Feuer und verteilten es an die Zuschauer. Während Raya nur als kleines Kind Fussball gespielt hatte und dass lediglich mit alten Plastikflaschen. «Hatte ich denn so ein schlechtes Leben?», fragte sie sich. «Eigentlich war doch alles ganz normal: Einmal pro Tag gab es eine Mahlzeit und zu trinken hatte ich auch genug. Zu mehr hätte man ja auch keine Zeit bei all der Arbeit. Doch was wenn dies nur für uns normal ist und die andere Seite einen viel höheren Standard hat?», dämmerte es Raya. Dies war der Zeitpunkt, an dem sie anfing zu begreifen, wieso diese Mauern wirklich standen und wieso die Troster unwissend von der Aussenwelt isoliert wurden: Das Bild des starken Volkes passte nicht zu der kleinwüchsigen Art ihrer Rasse. Sie ging los in Richtung Zentrum von Trost und begann ihre Entdeckung überall zu verbreiten. Obwohl sie beim Militär arbeitete, wusste sie nicht, welche Gebiete zu dieser Zeit von jemand anderem überprüft wurden. So musste sie sehr vorsichtig sein, mit wem sie darüber redete. Im Allgemeinen waren die Bewohner darüber skeptisch, niemand glaubte ihr so richtig. «Meinst du ist das der Grund, wieso wir in der Landwirtschaft bei hohem Profit nur so wenig Lohn erhalten? Leben die dort drüben auf unsere Kosten?», fragte Bauer Eren mit rotem Kopf. «Mach dir dein eigenes Bild, du wirst es nicht glauben», antwortete Raya. Also machte sie einen Treffpunkt mit den interessierten Trostern aus: Punkt Mitternacht in einer der Seitengassen unweit der Mauer entfernt. «Nehmt eure Familien mit, auch sie sollen mit ihren eigenen Augen der unvorstellbare Gegensatz zu unserem Leben sehen», forderte sie Raya auf.

Es war eine kalte Nacht und der Nebel zog um die Häuser. Raya war schon etwas früher beim Treffpunkt, bis dann von Jung bis Alt die Bewohner eintrafen. Es war 24 Uhr und die Masse bewegte sich zur Mauer. Nur noch einige Meter in östliche Richtung, die Position des Leckes hat sich Raya gut gemerkt. «Dort vorne ist es, Leute. Nur gemeinsam können wir wieder Licht in diese Dunkelheit über Trost bringen», rief sie ganz begeistert. Am Ort angekommen musterte Raya nervös die Wand, schritt einige Meter nach links und wieder einige Meter nach rechts. Sie untersuchte die Wand von oben bis unten, aber konnte den Spalt einfach nicht mehr finden. Schweissperlen kullerten ihre Stirn herunter und flossen in ihre wässrigen Augen. Sie nahm tief Luft und versuchte die Meute zu beruhigen: «Hier wäre die Lücke in der Mauer gewesen, aber das Militär muss sie geschlossen haben.» Der Bauer Eren trat hervor, seine rechte Hand zu einer Faust geformt, darin sein brauner Hirtenhut. «Raya, ehrlich gesagt, konnte ich dir die Geschichte nie glauben. Du Lügnerin», brüllte er ihr entgegen. Plötzlich, so schnell wie eine ihrer Tränen auf den Boden tropfte, sprintete sie fort, ohne Gedanken zu machen wohin, einfach weit weg. In einer menschenleeren Gasse sackte sie zu Boden und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. «Vielleicht hat es einen guten Grund, dass wir im Schatten dieser Mauern leben. Vielleicht sind wir einfach zu töricht. Aber alleine kann ich nichts ausrichten. Möglicherweise sind die unwissenden Troster gar nicht weniger glücklich als die im schöneren Teil von Ohara. Solange man nicht weiss, dass man ausgebeutet wird, fühlt es sich auch nicht so an», dachte sich Raya. Sie raffte sich auf, spazierte gemütlich nach Hause und arbeitete am nächsten Tag wieder als fleissiges Zahnrad in der diskriminierenden Maschinerie weiter. winscp download

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